Historischer Hintergrund

Die Geschichte des Braunkohleabbaus im Mitteldeutschen Revier reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Infolge der industriellen Revolution stieg der Bedarf an Rohstoffen. Gleichzeitig herrschte Holzknappheit. Nur mit Braunkohle konnte der Bedarf gedeckt werden.

Die Anfänge des Reviers

Kohletransport mit Pferdefuhrwerken

Bau der Brikettfabrik Witznitz, 1912, Foto: LMBV-Archiv

Tiefbau – Tagebau

Zunächst wurde Kohle im Mitteldeutschen Revier sowohl im Tiefbau als auch im Tagebau gefördert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderten zahlreiche technische Innovationen die Arbeit. Sie wurden im Tagebau eingesetzt, konnten im Tiefbau jedoch nicht genutzt werden. Somit sank die Bedeutung des Braunkohle-Tiefbaus bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Mitteldeutschen Revier wurde er 1961 eingestellt.

 

Technische Innovationen

Die technischen Innovationen im Tagebau betrafen die Bagger- und Fördertechnik. Arbeiteten die Bergleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts meist noch mit Keilhauen und Schaufeln, wurde dieser Abbau von Hand zunehmend durch die Kohlegewinnung im Abraum ersetzt: Löffelbagger, Eimerkettenbagger und Schaufelradbagger kamen zum Einsatz. Um die steigenden Fördermengen zu bewältigen, lösten gleisgebundene Förderwagen, Abraumförderbrücken und Bandförderung Schubkarren und Pferdefuhrwerke ab. Es entstanden Großtagebaue.

Braunkohleindustrie in der DDR

Kohlebagger

Bagger im Tagebau Zwenkau, 1988,
Foto: LMBV-Archiv/Franke

Arbeit in der Braunkohleindustrie

Kohle war die einzige Quelle an Primärenergie in der DDR. Entsprechend groß war ihre Bedeutung. Die Braunkohlewerke im Mitteldeutschen Revier wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Volkseigene Betriebe umgewandelt. Es entstanden Kraftwerke. Auch die energieabhängige chemische Industrie entwickelte sich stark. So bot die Braunkohleindustrie zahlreichen Menschen Arbeit. Die Sozialpolitik der DDR sah zudem eine enge Bindung zwischen den Angestellten und den Volkseigenen Betrieben vor: Werksküchen, Kindertagesstätten, Ferienheime, Sportgruppen und Kulturhäuser waren feste Bestandteile der Betriebe.

 

Folgen der Braunkohleindustrie

Negative Folgen der starken Braunkohleförderung in der DDR waren massive Umweltprobleme. Bei der Verarbeitung von Braunkohle stießen Kraftwerke, chemische Industrie und Brikettfabriken enorme Mengen an Kohlendioxid, Schwefeldioxid, Asche und giftige Schwermetalle aus. Das führte zu gesundheitlichen Schädigungen in der Bevölkerung. Außerdem zerstörte der Tagebau große Landschaftsflächen. Zahlreiche Orte fielen dem Kohleabbau zum Opfer. Sie wurden abgebaggert. Über 50.000 Menschen mussten umsiedeln und größtenteils neue Berufswege einschlagen.

Nach der Wiedervereinigung

Stilllegung

Seit 1989/90 wurden viele Tagebaue im Mitteldeutschen Revier stillgelegt.
Sprengung Absetzer Peres, 2000, Foto: LMBV-Archiv

Stilllegung

Nach 1989/90 wurden innerhalb weniger Jahre die meisten Tagebaue im Mitteldeutschen Revier geschlossen. Sie waren wirtschaftlich nicht mehr rentabel: Die Produktionskosten der Braunkohleförderung in der DDR betrugen das Acht- bis Zehnfache der Kohle im Weltmarktvergleich. Außerdem war nach der Wiedervereinigung in Mitteldeutschland der Import anderer Energieträger möglich, z. B. Öl und Gas. Auch der Umweltschutz erhielt einen höheren Stellenwert.

 

Verlust von Arbeitsplätzen

Mit der Stilllegung zahlreicher Tagebaue war zugleich ein gewaltiger Verlust von Arbeitsplätzen verbunden. Daran schloss sich der Wegzug vieler Fachkräfte an. 1992/93 wurden die Tagebaue in drei Kategorien aufgeteilt: privatisierungsfähige Betriebe, Auslaufbetriebe, Sanierungsbergbau. Heute sind noch drei Tagebaue in Mitteldeutschland aktiv: Vereinigtes Schleenhain, Profen und Amsdorf.


Veredelungsindustrie

Durch die Kohleveredelung entstehen aus der Braunkohle viele nutzbare Folgeprodukte. Im Mitteldeutschen Revier siedelten sich große Veredelungsbetriebe an, z. B. Brikettfabriken und chemische Industrie.


Brikettfabriken

1858 entstand an der Braunkohlegrube Theodor bei Ammendorf die weltweit erste Brikettfabrik. Später gehörte zu jedem Braunkohlerevier eine Brikettfabrik. In der DDR waren Brikettfabriken von besonderer Bedeutung. Um verfügbaren Brennstoff zu haben, aber zugleich von Rohstoffimporten aus dem Ausland unabhängig zu sein, konzentrierte man sich auf die eigene Brikettproduktion. Durch unzureichende Filteranlagen war jedoch die Emission von Staub und Abgasen bei der Herstellung von Briketts enorm.

Foto: LMBV-Archiv, Brikettfabrik Mücheln, Tagebau Elise, 1920

Brikettfabrik: Mücheln, Tagebau Elise, 1920, Foto: LMBV-Archiv

Chemische Industrie

Der größte Verbraucher von Braunkohleenergie aus dem Mitteldeutschen Revier war in der DDR die chemische Industrie. Die Werke in Bitterfeld, Leuna und Schkopau bildeten das sogenannte Chemiedreieck. In Schwelereien wurden Teer, Paraffin und Leichtöl gewonnen. Braunkohleteer war wiederum der Ausgangsstoff, um Benzin herzustellen. Weitere wichtige Produkte der chemischen Industrie waren Montanwachs und Kunststoff. In den Buna-Werken in Schkopau wurde ab 1939 synthetischer Kautschuk erzeugt.

Foto: Landkreis Anhalt-Bitterfeld, Chemisches Kombinat Bitterfeld, 1992


Braunkohlekraftwerke

Ein großer Teil der geförderten Braunkohle wurde und wird immer noch zur Erzeugung von Elektroenergie genutzt. Das Mitteledeutsche Revier war somit immer ein wichtiger Energiestandort. Bereits 1910 wurde das erste große Braunkohlekraftwerk gebaut. Zwischen 1920 und 1940 entstanden dann die Kraftwerke in Böhlen, Vockerode und Espenhain. In den 1960er und 1970er-Jahren erweiterte man die Kraftwerkkapazitäten durch die Errichtung der Werke in Thierbach, Lippendorf, Borna und Mumsdorf. Zwischen 1990 und 2000 wurden einige Kraftwerke stillgelegt und rückgebaut, andere modernisiert und neu errichtet.

Foto: LMBV-Archiv, Schaltwarte, Kraftwerk Espenhain, 1954

Schaltwarte, Kraftwerk Espenhain, 1954, Foto: LMBV-Archiv

Umsiedlung und Renaturierung

Überbaggerungen zahlreicher Orte und Umsiedlungen, Natur- und Umweltzerstörung waren die Folgen des massiven Kohleabbaus im Mitteldeutschen Revier. Inzwischen wurden große Flächen der devastierten Landschaften renaturiert.

Seenlandschaft

Geiseltalsee Mücheln, 2018
Foto: LMBV

Umsiedlungen

Der Braunkohlebergbau zerstörte viele Orte. Zahlreiche Menschen mussten ihre Dörfer verlassen und in neuen Umgebungen Fuß fassen. Seit der Entstehung von Großtagebauen in den 1920er-Jahren erwies sich die Überbaggerung kompletter Siedlungen als wirtschaftlicher im Vergleich zu einer Umfahrung. Dennoch betraf die Abbaggerung bis in die 1940er-Jahre nur Einzelfälle. Ab den 1950er-Jahren stieg die Zahl der Umsiedlungen dann sprunghaft an. Insgesamt wurden im Mitteldeutschen Revier 122 Orte abgebaggert. Über 50.000 Menschen mussten umsiedeln. Dorfbewohner wurden zwangsweise zu Städtern, Dorfgemeinschaften zerfielen. Bereits lange vor der Abbaggerung führten ausbleibende Investitionen und Wegzug junger Menschen zur Überalterung der Ortsgemeinschaften. Die Wiedervereinigung stoppte die Umsiedlungsdrohung für den überwiegenden Teil der Dörfer im Bergbauschutzgebiet.

 

Renaturierung

Trotz einzelner Renaturierungsmaßnahmen gelang es zwischen 1950 und 1990 nicht ansatzweise, die Lücke zwischen devastierten und wiedernutzbaren Flächen zu schließen. Seit den 1990er-Jahren werden die Nachfolgelandschaften des Braunkohleabbaus systematisch und nachhaltig saniert. Unter Berücksichtigung des Artenschutzes liegt ein besonderes Augenmerk auf der Wiederherstellung von Landschaftsbildern. Es entstehen Ackerflächen und forstwirtschaftlich nutzbare Flächen. Außerdem prägen Tagebauseen zunehmend die Landschaft in Mitteldeutschland. Aus gefluteten Tagebaulöcher entwickeln sich Natur- und Landschaftsseen. Viele der Seen können als Freizeitseen, z. B. für Wassersport und Naherholung, genutzt werden.

Mehr zum Thema

LMBV

Die LMBV ist für die Sanierung und Renaturierung der stillgelegten Tagebaue verantwortlich.

Stabsstelle

Die Staatskanzlei Sachsen-Anhalt hat eine Stabsstelle zum Strukturwandel eingerichtet.

Ministerium

Das Thema Strukturwandel ist im Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung angesiedelt.